Donnerstag, 12. November 2009

Was ist Kunst? (Teil 2)

Zur Zeit lese ich wenig über die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Deshalb nochmal (Teil 1 findest du hier) etwas Grundsätzliches zu meinen Kunstansichten, die den heutzutage vorherrschenden Standardansichten vollständig widersprechen.

Was ist Kunst?

Das einzige Kriterium, ob etwas als Kunst betrachtet wird, ist das von dem Werk ausstrahlende Können.

Können ist aus meiner Sicht ein rein technischer Aspekt.

Wenn ein Werk in ähnlicher Qualität von einem Hobbymaler mit den gleichen Hilfsmitteln kopiert werden kann, dann ist es keine Kunst.

Adolf Hölzel - Anbetung (1912)
Öl auf Leinwand (85 × 67 cm)

Simpel, zu simpel für viele, aber dies ist in meinen Augen der einzig wahre Eichtest. Deshalb ist in der Regel Objektkunst oder abstrakte Kunst keine Kunst. Dekorativ oder gefällig vielleicht, aber keine Kunst. Solche Sachen haben nichts in einem Museum verloren und sind in der Regel schlicht und einfach nur dilettantischer Müll.

Kasimir Malevich - Supremus No. 58 (1916)

Als Beispiel seien zwei aktuelle Preisvergaben vorgestellt. Zum einen der Kasseler Kunstpreis 2009 (man könnte blind fast jeden anderen Kunstpreis in Deutschland wählen, aber Kassel ist aufgrund seiner documenta-Ausstellung, der Königin der Kunstausstellung ohne Kunst, eine verführerische Stadt für diese Zwecke) und zum anderen der ARC Nachwuchswettbewerb 2009. Dreimal darf geraten werden, wer etwas mit Kunst zu tun hat und wer nicht und wie der Stand der Kunst in den jeweiligen Ländern ist...

Was ist, wenn ich nicht weiß, wie das Werk entstanden ist?

Carl Friedrich Lessing - Heimkehrender Kreuzritter (1835)
Öl auf Leinwand (66 x 64 cm)

Nehmen wir mal an, es hängt in einem Museum eine ausdrucksstarke, kunstvolle Zeichnung, die sich offensichtlich von den Versuchen eines Laien unterscheidet. Es ein Kunstwerk, welches seinen Platz dort verdient.
  • Nun nehmen wir an, dass die Kopierer späterer Generationen Ergebnisse erzeugen, die Zeichnung und Gemälde nicht mehr von den Originalwerken unterscheiden lassen. Es wird nun bekannt, dass die Zeichnung im Museum eine Druckkopie ist und nicht, wie bisher vermutet, ein von Menschenhand geschaffenes Werk. Dann hat dieses Bild, welches vor kurzem noch als große Kunst angesehen wurde, seinen Wert verloren. Natürlich und trivial.
  • Ein anderer vereinfachter Fall. Das Original ist ein Meisterwerk, die im Museum hängende Zeichnung jedoch eine mit Projektion und simpler Durchzeichnung erstellte Kopie (was bei wirklicher hochwertigen Zeichnungen, da sie mehr als reine Konturen zu bieten haben, natürlich nicht möglich ist), dann mag das Ergebnis genauso schön wie das Vorbild sein, hat aber damit seinen Kunstwert verloren, da es mit dem nötigen Fleiß jeder durchpausen kann.
  • Oder folgendes: Ein Gemälde wird in bester Manier von einem Könner seines Fachs kopiert (so sagt man von Franz von Lenbach, dass seine Kopien für die Schackgalerie fast noch besser waren als die Originale. Da ich noch nie eines dieser Gemälde gesehen habe, kann ich es nicht beurteilen), so ist dies Kunst, auch wenn der Künstler an den Inhalt des Bildes keine Gedanken verschwenden musste. Vorzug gebührt hierbei natürlich dem Erstwerk, aber Kunst ist die Kopie trotzdem und kann einen Platz im Museum verdienen.
  • Skulpturen können heutzutage per computergesteuerter Fertigung in Perfektion hergestellt werden. Wenn ein identisches Werk von Menschenhand geschaffen wurde, ist es Kunst. Das gleiche Werk maschinell hergestellt, hat seinen Kunstwert jedoch völlig verloren.
Aber das Technische kann doch nicht alles sein?

Aus der Sicht, ob es Kunst ist oder nicht, schon!

Hiermit ist jedoch keine Hierarchie gemeint in der Art: je vollendeter das Werk, desto kunstvoller ist es.

Carl Friedrich Lessing oder Anton von Werner sind zwei meiner Lieblingsmaler. Beide sind bekannt für ihre vollendete Umsetzung. Aber auch John William Waterhouse, der häufig Abschnitte seiner Gemälde weniger fein ausmalt (nicht gerade auf dem unten gezeigten Gemälde, aber dieses ist eines meiner Lieblingsgemälde und ich musste es einfach zeigen...), ist einer meiner Favoriten.

John William Waterhouse - The Lady of Shallot (1888)

Franz von Lenbach legt sein ganzes malerisches Gewicht häufig nur auf die Augen des Dargestellten, alles andere ist verschwommen, angedeutet gemalt. Ist er deshalb ein minderwertiger Künstler? Nein, er ist ein Meister des Pinsels und seine Porträts üben eine Faszination aus, die vielen klassisch vollendeten, jedoch steifen Porträts fehlt.

Franz von Lenbach - Clara Schumann (1878-79)
Pastell

Was ist denn mit dem Inhalt des Bildes, der Intention des Künstlers?

Das Inhaltliche spielt als Kriterium, ob etwas als Kunst betrachtet werden kann, keine Rolle. Will nicht verleugnen, dass subjektiv ein Thema mehr anspricht oder besser umgesetzt ist als das andere. Aber hinsichtlich der Unterscheidung von Kunst und Nichtkunst, und darum geht es in diesem Bericht, spielt dies überhaupt keine Rolle.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt es als selbstverständlich, dass ein Kunstwerk eine Bedeutung haben musste. Biblische Geschichten, altertümliche Sagen oder Zeitgeschichte waren die höchst angesehensten Themen.

Gegen dieses inhaltliche Primat ankämpfend gab es mehrere Bewegungen, eine verschiedener als die andere.

So kam die L’art pour l’art oder Ästhetizimusbewegung im 19. Jahrhundert auf (ein typischer Vertreter ist Albert Joseph Moore, dessen Bilder, ohne mythologischen oder sinnschweren 'Ballast', schöne Frauen in antiken Gewändern zeigen), deren Gemälde 'nur' schön wirken sollten. Literarische oder geschichtliche Kenntnisse waren für den vollen Genuss des Bildes nicht von Belang.

Albert Joseph Moore - Midsummer (1887)

Ein ähnliches Ziel, neben anderen, hatte auch der Impressionismus, der den ersten Eindruck(über diese Floskel kann man schön streiten), festhalten wollte. Oder der Realismus, der den grauen Alltag auf den Thron des Darstellbaren gehoben hat.

Ihnen allen war gemein, dass sie das inhaltliche Spektrum erweiterten.

Aber wie weit das Spektrum auch ist, es gibt selbstverständlich immer Richtungen, die einem mehr gefallen als andere. Ich schaue mir mit Begeisterung Historiengemälde der akademischen Maler des 19. Jahrhunderts an. Deren Gemälde sind meist voller Details, interessanter Stellen und lebendiger Personen. So beschreiben Gemälde Anton von Werners geschichtliche Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Einen schnelleren und besseren Einblick und ein Gefühl für diese Zeit kann man kaum gewinnen. Wenn das Ganze auf technisch hohem Niveau umgesetzt ist, ist dies große Kunst und nicht, wie heutzutage behauptet, einfache Zeitgeschichte ohne Kunstwert.

Anton von Werner - Kaiser Friedrich als Kronprinz auf dem Hofball (1878)
Öl auf Leinwand (118 x 95 cm)

Paul Cézanne - Stillleben mit offener Schublade (1877-1879)
Öl auf Leinwand (33 x 41 cm)

Nebenbei bemerkt: Der fehlende Tiefgang der impressionistischen Gemälde führte noch vor Ausbruch des 1. Weltkriegs zu einem Abflauen des Impressionismus-Hype, der in den Jahren zuvor häufig als einzig selig machende Kunstrichtung angesehen wurde. Man war nun der sinnlos sinnlichen Gemälde überdrüssig und wollte wieder bedeutungsvollere Aussagen und Inhalte erblicken. Mein Problem wäre das nicht gewesen, meine Kritik am klassischen Impressionismus ist rein formaler Natur, dass halbgare Studien als fertige Bilder gepriesen werden. Dies gilt häufig für die Dauerbrenner Pissarro, Sisley, Monet und Konsorten,

Alfred Sisley - Die Seine bei Bougival (1876)
Öl auf Leinwand (45 x 61 cm)

aber weniger für die schweren Kaliber des akademischen Impressionismus (Krøyer, Sorolla, Boldini und Co), die jedoch leider bei weitem nicht so bekannt sind.

Giovanni Boldini - Landstrase bei Combes-la-Ville (1873)
Öl auf Leinwand (69 x 101 cm)

Wer an der Oberfläche kratzt, lernt den Inhalt nicht kennen, oder?

Schon wahr. Aber genau dieser Inhalt unterliegt dem Zeitgeist und dem persönlichen Geschmack und hat als Kriterium für Kunst nichts verloren. Der Inhalt ist das breite Spektrum, welches das Interessante und Hochwertige vom weniger Interessanten und Minderwertigen scheidet. ABER. Was mir gefällt, gefällt dir noch lange nicht.
  • Ein Bild Hieronymus Boschs hatte für seine Zeitgenossen eine eindeutige und unmissverständliche Bedeutung. Uns heutigem Betrachter sind diese Allegorien und Symbole oft nicht mehr bekannt, die Fachleute widersprechen sich. Die Bilder Tizians oder Leonardos haben häufig religiös, christlichen Inhalt. Der ist für viele Menschen heutzutage nicht mehr von Bedeutung oder langweilt sie. Trotzdem sind diese Künstler große Meister ihrer Zeit. Und warum? Vor allem wegen ihrer großen technischen Fähigkeiten, ihrem Können.
  • Ein Porträt, welches für den einen Tiefgang besitzt und den Charakter der Person zeigt, ist für den anderen einfach nur ein Gesicht.
  • Ein Landschaftsbild steckt für den einen voller Poesie, für den anderen sind es einfach ein paar Bäume, die ein bisschen mehr Farbe vertragen könnten.
  • Die schlesischen Weber von Carl Wilhelm Hübner sorgten zu seiner Zeit für gesellschaftskritische Furore, heute würde solch eine Darstellung keine soziale Ader mehr pulsieren lassen.

    Carl Wilhelm Hübner: Die schlesischen Weber (1844)
    Öl auf Leinwand - 119 x 158 cm
  • und so weiter und so fort ...
Grenzziehung

Peder Sverin Kroyer - Hipp, Hipp, Hurra (1884-1888)
Öl auf Leinwand (134,5 x165,5 cm)

Mit dieser Art von Kunstbetrachtung wird keine Hierarchie aufgebaut, sondern eine Grenze gezogen. Eine technische Grenze. Und vor dieser Grenze bleiben große Teile des geschätzten Kunstschrotts unserer Zeit stehen, weil ihnen der Einlass aufgrund ihrer dilettantischen Qualität verwehrt wird.

Umberto Boccioni - Die Stadt erhebt sich (1910)
(200 x 301 cm)

Oder, wie ein weiser Türsteher einst sagte:
Du kommst hier ned rein