Montag, 30. März 2009

60 Jahre Wunder um Wunder

Wunder gibt es immer wieder und dies nicht nur bei Katja Epstein. Was einen aber nicht verwundern darf, ist der groß aufgemachte Bericht heute in der BILD Online.

Vom Kunstwunderland Deutschland ist da die Rede. 60 Berichte sollen folgen. Eine Zauberwelt wird sich dem Betrachter eröffnen. Als Appetitanreger sind ein paar der zukünftig präsentierten Wunderwerke abgebildet.

Lasst sie auf euch wirken und siehe da. Das Wunder ist geschehen. In meinen Augen völlig langweilige, hässliche, dilettantische Werke werden als Meisterstücke des großen Kunstland Deutschland gepriesen. Dies ist tatsächlich ernst gemeint von den Kunstkenner unserer Nation. Für den naiven Laien ist dies unvorstellbar, aber für die Fachleute selbstverständlich. Wer hier große Kunst erwartet hätte, ist jedoch ziemlich blauäugig.

Gepriesen sei derjenige, dessen Blick von diesen Dingen verzaubert werden kann. Mir gelingt dies nicht, da diese Werke nichts mit Können und Kunst zu tun haben.

Wer Langeweile hat und sich beizeiten wundern möchte, mag diese Serie verfolgen. Ich habe entschieden, dass mir meine Zeit dafür zu Schade ist.

In diesem Sinne wünsche ich einen wundervollen Tag!

Freitag, 27. März 2009

Feuerbach und die bösen Geister

Anselm Feuerbach ist heutzutage, im Gegensatz zu anderen großen akademischen Meistern des 19. Jahrhunderts, noch relativ beliebt. Dies habe ich an anderer Stelle (siehe Nanna) mit seiner Persönlichkeit begründet. Was ich damit meine, möchte ich hier ausführlicher darstellen.

Anselm Feuerbach - Selbstbildnis (1873)
Öl auf Leinwand 62 x 50 cm

Verkannte Genies sind beliebt

Wenn man sein "Vermächtnis" liest, dann tritt einem ein selbsternanntes, verkanntes Genie entgegen.

Diese werden von der Riege der 'Kunstverständigen' hoch geschätzt. Nicht umsonst gilt bei ihnen der mäßig talentierte van Gogh als einer der größten Maler aller Zeiten. So kommt es nicht überraschend, dass Feuerbach immer wieder mit Wohlwollen erwähnt wird. Sein Können ist unbestritten, was bei einem akademischen Maler des 19. Jahrhunderts nicht überrascht, als das Lernen der Basisfähigkeiten noch selbstverständlich für einen Maler war. Sein Lebenslauf ist vielfach beschrieben und im Internet nachzulesen. Als Kritiker des deutschen Spießbürger und der Mittelmäßigkeit ist er wohl bekannt.

Das er auch eine ganz anderer Seite besaß, möchte ich hier herausstellen. Man könnte das verkannte Genie mit großer Berechtigung auch als antisemitischen, chauvinistischen, unter Verfolgungswahn leidenden Großkotz bezeichnen.

Motto

Warum dies so ist, zeigt sein "Vermächtnis". Neben biografischen Fakten enthält es vor allem eine Ansammlung von Hasstiraden gegen alles und jedes. Frei nach seinem Motto:
Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, so haue ihm eine auf die rechte.

Mit dem falschen Fuß aufgestanden

Schuld an dem folgenden ganzen Schlamassel war wohl sein erster Kontakt mit der Kunstwelt. Der Eintritt in die Düsseldorfer Akademie wird mit den Worten beschrieben:
Mit fröstelnden Unbehagen betrat ich das erstemal die häßlichen Räume der Düsseldorfer Akademie. Ausser dem gewöhnlichen Geruche der allen öffentlichen Anstalten eigen ist, war hier noch etwas besonderes, feuchtes, moderiges, was ich nur mit dem Ausdruck akademischer Luft bezeichnen könnte.
Friedrich Wilhelm von Schadow

Friedrich Wilhelm Schadow - Porträt des Felix Schadow (1830) Öl auf Leinwand 61 x 51 cm

Da wundert es nicht, dass sein erster Lehrer sein erstes Opfer war. Direktor Schadow.
Ein lebensmüder, kranker, barscher Mann mit feinem, scharf geschnittenen Profile, stets seitwärts, gesenktem Kopfe,..., als Maler, war er eine Null.

Dieser war wohl nicht ganz glücklich mit seinem Schüler und gab ihm die warmen Worte mit auf den Weg:
Jehen Sie nach Paris und wenn sie nicht Schüler von de la Roche werden können, wird nischt aus Ihnen. (Schadow)
Paul Delaroche - Head of a Camoldoline Monk (1834) Öl auf Leinwand

In Feuerbachs Ohren wohlklingender war da wohl die Meinung seines Freundes Alfed Rethel:
Recht haben sie gehabt, denn sehen sie der Alte (Schadow) hat manchmal Blähungen im Unterleibe, die hält er dann für Gedanken. (Rethel)
Schadow war vielleicht sein erstes persönliches Feindbild, aber viele werden folgen.

Theodor Mintrop

So sein Freund aus Düsseldorfer Zeiten, Mintrop, den er als Wendehals bezeichnet:

Theodor Mintrop - Reproduktion Zeichnung für sein Märchen König Heinzelmann (ca 1872)
Damals war seine naive Natur und Bauernweisheit echt, später, eine Lockspeise eleganter Salon's, war er Bauer genug, um den naiven fortzuspielen.

Verloren in München

Die folgenden beiden Jahre verbrachte Anselm in München. Verlorene Zeit war dies seiner Meinung nach. Typisch für ihn. Anstatt selber die Notleine zu ziehen, wird den anderen die Schuld gegeben.

In München jeden Fall hielt er es nur acht Tage bei seinem Lehrer Carl Rahl aus, und mit Moritz Schwind
hatte ich mich auch, weiß Gott warum, verfeindet.
Moritz von Schwind - Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe (1857) Öl auf Leinwand

Das die Pilotyschule für ihn mehr als verderblich war, wundert nicht. Alles, was zu jener Zeit bekannt und erfolgreich war, hatte er auf dem Kieker. Freunde werden nicht gemacht.
Die ganze Pilotyschule ist die brutale Vernichtung alles ideellen im großen Sinne, ein Aufgehen in theatralischer Sentimentalität und romantischen Materialismus. Der Triumph der Gliederpuppe.
Über Belgien nach Paris

Sein Weg führte über Gustave Wappers Atelier in Antwerpen, den er als Künstler schätze,

Gustav Wappers - Episode der Belgischen Revolution (1830)

nach Paris ins Studio von Thomas Couture. Couture ist einer der wenigen Maler seines Jahrhunderts, den er wirklich verehrte.

Thomas Couture - Eine Witwe (1840)
Öl auf Leinwand 92 x 73,5
cm
Nicht genug kann ich dem Meister danken, welcher mich von deutscher Spitzpinselei zu breiter, pastoster und größerer Behandlung und Anschauung führte.
Ansonsten galt seine ganze Bewunderung Rubens, van Dyck, Tiepolo und den großen Renaissancemeistern Michelangelo, Leonardo, Raffael, Tintoretto, Veroneso oder Tizian.

Die schöne Zeit in Paris strapazierte seinen Geldbeutel arg,
und so wachte ich eines Tages - in Carlsruhe auf
, der Stadt seiner schlaflosen Nächte.

Unglückliches Karlsruhe

Die bösen Mächte ließen ihn stolze zehn Jahre nicht von deutschem Boden weichen, und so kam es, dass an seinem Unglück wieder die anderen Schuld waren.
... während mir so bei sorgenvollem Kampfe in der wichtigsten Entwicklungszeit 10 Jahre meines Lebens gestohlen wurden.
Eine der letzten Etappen war für ein Jahr Karlsruhe, eine Stadt, die seinen Ansprüchen natürlich auch nicht genügen konnte. Das war
wohl ein Fluch meines Lebens, daß ich gerade auf dieses Dorf mit meinem künstlerischen Beginnen angewiesen war.
Zerstörungswut und Konfuzius

In Karlsruhe fanden seine Bilder nicht immer einen Käufer. Und wenn, dann gab es aus seiner Sicht eher Almosen zu verdienen als gerechte Belohnung. Über eine schlechte Besprechung seines Bildes Die Versuchung des heiligen Antonius (1854) geriet er in Rage.
Letzteres Bild zerstörte ich selbst, vor Wut, daß es so dumm beurteilt wurde. Ich habe es später sehr bereut.
Anselm Feuerbach - Die Versuchung des heiligen Antonius (vernichtet) (1854)

Der mangelnde Verkauf konnte natürlich nicht an der Qualität seiner Gemälde liegen. In seiner typisch bescheidenden Art nennt er auch den simplen Grund, eine Weisheit eines Konfuzius würdig:
Jedes Werk braucht etwa 10 bis 20 Jahre Zeit, um verstanden zu werden, nach Abfluß dieses Zeitraumes, werden die Bilder wunderschön...

Bevor er Karlsruhe endgültig verlässt, bekommen natürlich noch zwei anderer Professoren ihr Fett weg. Johann Wilhelm Schirmer und der große Carl Friedrich Lessing.

Johann Wilhelm Schirmer

Johann Wilhelm Schirmer - Felsküste bei Etretat (1836) Öl auf Leinwand auf Pappe aufgezogen 41 x 32 cm
Ein knorriger dicker Mann mit kurz geschorenem grauen Haar...ein süßlicher Mucker ... Jammerseele.

Dessen Hinweis, dass Feuerbach das Terrain in Karlsruhe verkannt habe, konterte dieser mit:
Wenn Schlamm Terrain ist, dann haben sie recht.
Carl Friedrich Lessing

Lessing war ebenso wenig genehm:

Carl Friedrich Lessing - Der Klosterbrand (1846) Öl auf Leinwand 123 x 172 cm
trat mir gegenüber in dieselben Fußstapfen. Was er nicht fertig brachte, besorgten dann zwei Weiber.
Letzter Wunsch

Also was wünscht der höfliche, taktvolle Feuerbach seinen ehemaligen Karlsruher Mitstreitern?
werfe ich Menschen und Sachen der damaligen Zeit hiermit auf den Lumpenkarren, wo sie hingehören, und zu schlechten Büchern verwehrtet werden können.

Auf nach Rom

Es wurde Zeit, nach Rom aufzubrechen. Über Venedig und Florenz näherte er sich seinem Ziel. Beide Zwischenstationen beeindruckten ihn sehr, von den Raffaels und del Sartos in den Uffizien war er im höchsten verzückt. Es war eine Offenbarung für ihn.
Die Vergangenheit war ausgelöscht, die modernen Franzosen wurden einfache Spachtelmaler und mein künftiger Weg, stand klar und sonnig vor mir.
Künstlerverein

In Rom angekommen, gibt es natürlich mehr als genug zu bemäkeln. Der deutsche Künstlerverein mit seiner
modernen Oberflächlichkeit
kommt ihm da gerade recht.
Im Positiven die Poesie festzuhalten, scheint wenigen gegeben zu sein, darum haben auch die Herren NIE etwas geleistet trotz Künstlerverein und Selbstüberhebung.
Die Tatsache, dass Feuerbach selber den Kunstverein öfter besuchte, wird an dieser Stelle natürlich verschwiegen und ist nur einem Brief im Anhang zu entnehmen:
Im Künstlerverein, wenn ich nicht da bin, kann nicht gesungen werden, ich bin der einzige Tenor... Jeden Sonntag ist Probe...
Glücksmomente

Die Zeit in Rom war zum Glück einmal nicht ganz vergebens für Anselm. Dies zeigt seine künstlerische Selbsteinschätzung zu jener Zeit. Uneitel wie meist formuliert:
...die Erscheinung, daß an den besten meiner Bilder nicht ein Jota zu ändern ist
und die meisten den Gegenstand erschöpfen, während beim modernen Maler gewöhnlich alles eben so gut anders sein könnte.
Doch nicht nur das. Seinen Röntgenaugen entgeht, mit Bescheidenheit und Verlaub, nichts:
...unermüdliche Mache, bei strengster Beobachtung haben es gebracht, daß ich jetzt stecknadelgroße Mängel auf den ersten Blick ersehe.

Im Laufe der Zeit sah er die
albernen Fremden, welche dort herumstolpern
immer mehr mit Humor und sein
leicht erregbares Wesen
wich
einer angeregten Ruhe, die mich selbst bei Gefahren nicht verlässt.

Gut so. Rom war seine Stadt.

Antideutsch

Auf sein Deutschsein war er jedoch weniger gut zu sprechen. Dieses attackiert er mit den Worten:
Die Rohheit des Volkes, welches sich in Kneipen herumtreibt, die Halbbildung und prätentiöse Vortrefflichkeit der sogenannten gebildeten Stände, das Bocksbeinige Gelehrtentum, nebst übertriebener Schulbildung, der kompletteste Unverstand in den höchsten Kreisen hat mir das Vaterland verleidet.
Und
Wir haben und bekommen nie eine Kunst mitsamt unsern 42 Millionen nichtdenkender Leute.
Professor in Wien

Eine Professorenstelle zog ihn nach Wien. Wien, galant umschmeichelt mit den Worten:
Ich habe in Paris und lange in Rom gelebt, eine konzentriertere Canaille, als in Wien habe ich nirgends vorgefunden. Um in Wien Karriere zu machen, muß man etweder ein dummer oder zum mindestens ein zweideutiger Mensch sein.

Hans Makart

Und da wären wir schon beim nächsten Lieblings-Attacke-Objekt Feuerbachs. Hans Makart.

Hans Makart - Bildnis Gräfin Palffy (Die Betende) (1880) Öl auf Holz 127,5 x 90 cm
Auch in der Malerei ist die technische Begabung sehr auffallend, allein sie bleiben alle in dem Accessoire und den Kleidern stecken...
Das Saloppe Makartscher Weiber liegt nicht sowohl in geschminkten Augenbrauen, konventionell frivolen Bewegungen, als insbesondere in der gänzlichen Unkenntnis menschlicher Form und Seele.
Große Leinwände mosaikartig zu tapezieren ist von guter Kunst so weit entfernt wie ein Freudenmädchen von einer anständigen Frau.
Erscheinungen wie Makart hat es zu allen Zeiten gegeben, sie kennzeichnen genau die rapide Dekadenz...
Wo die Gedanken fehlen....würde sein koloristisches Kartenhaus zusammen stürzen....was bei Makart mühselig gequält erscheint...

Und so weiter und so fort. Feuerbachs Tiraden haben ihre Ursache wohl daher, dass er in Wien immer im Schatten des großen Makart stand. Das man einem großen Künstlerkollegen, der eine andere Malauffassung als man selber hat, auch mit Respekt begegnen kann, sieht man bei Anton von Werner.

Verlorene Zeit

Das seine Professur ihn in Wien wieder vier Jahre seines Lebens gekostet hat, brauche ich glaube ich hier nicht mehr zu erwähnen:
Auch das habe ich vergessen, daß sie mir 4 Jahre meines Lebens gestohlen, denn zu eigenem künstlerischen Schaffen, ließ man mir kaum Zeit.

Ob er überhaupt in diesen vier Jahren das Akademiegebäude einmal hat verlassen dürfen, wird für immer ungeklärt bleiben...

Grund der Anfeindungen

Styl ist das, was laut Anselm Feuerbach in der Kunst zählt.
...der wahre Styl kommt dann, wenn der Mensch selbst groß angelegt...
Und groß ist er natürlich selber.
Da die Größe der Auffassung kaum zu verkennen war, so wurde ich als Feind angesehen und behandelt.
Achso, deshalb wird er angefeindet. Weil er zu groß denkt.
Aber Feuerbach präzisiert das noch:
Einige Male hatte ich Gelegenheit, Bilder von mir auf Ausstellungen zu sehen, sie machten mir ungefähr den Eindruck, wie wenn anständige Leute sich durch einen Zufall in ordinärer Gesellschaft befinden. Dieses Gefühl ... ist der Grund jener lebenslangen, gehässigen Anfeindungen.
Da haben wir es. Weil er alle anderen für große Idioten und Arschlöcher hält, wollen diese angeblich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sachen gibts...

Alles und Jeder

Im weiteren Verlauf seines Vermächtnis kriegt jeder und alles sein Fett weg. Künstlervereine, Kritiker, Kunstausstellungen, Kunsthändler, Akademien, das Theater und so weiter und so fort.

Wilhem von Kaulbach

Wilhelm von Kaulbach - Die Seeschlacht bei Salamis (1868) Öl auf Leinwand
So hat ein Kaulbach eine angeblich große Nation ein halbes Jahrhundert an der Nase herumführen können und erst sein materieller Tod führt seinen geistigen herbei.
Anton von Werner

Anton von Werner - Moltke mit seinem Stabe vor Paris (1873) Öl auf Leinwand
Victor Scheffel lässt bei Lebzeiten seine dürftigen Werke mit schlechten Illustrationen austapezieren.

Zum Beginn wurde ein harmloser Genre und Aquarellmaler das unbegreifliche Schoßkind...
Carl Theodor von Piloty

Carl Theodor Piloty - Die Gründung der katholischen Liga durch Herzog Maximilian I von Bayern - Ausschnitt (1854) Öl auf Leinwand 379,5 x 516,5 cm
Piloty und Makart werden ewig nur große Dekorations-Staffeleibilder malen, weil ihnen die absolut notwendige Bildung abgeht, welche ihnen sagen würde, daß nur eminentes Studium zur richtigen Pforte führt.
Kunsthändler
Die modernen Kunsthändler, diese Kolporteure der Mittelmäßigkeit, ...sollen... sich dort, samt den Redakteuren der Gartenlaube in ihrem eigenen Bilde aufhängen.
Juden
Die Juden transportiere man mit Kind und Kegel auf IHRE Kosten - Geld haben sie - nach Jerusalem, dort sollen sie den Tempel Salomons wieder aufbauen und
Knoblauch-Plantagen auf Aktien gründen. Wenn solches geschehen, wird die Luft in Deutschland wieder gesünder werden.
Frauen
Frauenerziehung: ... Von den Mädchen ist wenig Erfreuliches zu notieren, es strebt unser ganzes Gesellschaftswesen der gründlichsten Oberflächlichkeit entgegen.
Wenn ich einmal so weit bin das Angelernte von dem Natürlichen im Benehmen eines Frauenzimmers unterscheiden zu können, werde ich ein eigenes Kapitel nachträglich hier einschalten.
...jede große und kleine Stadt in Deutschland eine sogenannte tonangebende Clique erduldet. Es sind manchmal nur fünf bis sechs Leute, wobei natürlich die Weiber wieder obenan stehen, über die man nicht vorwärts oder hinauskommt.
Blick hinter den Kulissen

Das Feuerbach in der Realität von der Fahne im Wind nicht immer so weit entfernt war, wie er wirken wollte, zeigen Briefe seiner Schwiegermutter Henriette Feuerbach.

Anselm Feuerbach - Bildnis Henriette Feuerbach (1867) Öl auf Leinwand 101 x 82,4 cm


Friedrich Pecht

So zieht Anselm des Öfteren kräftig über den früheren Maler und bedeutenden Kritiker Friedrich Pecht her.
Man belle den Mond nicht an, wenn man ihn nicht beißen kann.
... selbst weniger schlechte Bilder zu malen
möge er seinen Styl verbessern
und die Kunst mit eigenen, vorurteilsfreien Augen betrachten lernen
Solche Widersprüche sind zu dumm, als daß wir noch weiter ein Wort darüber verlieren können
Pechts Essay ist keine kritische Künstlerische Betrachtung, sondern eine herumtastende Dilettantenarbeit.
Der Mann an und für sich wäre zu unbedeutend wenn er nicht
der Dolmetscher einer halben Million nichtdenkender Leute wäre.
Vielleicht ist dies alles berechtigt, aber wenn man dann im Gegensatz dazu folgendes liest, kommen mehr als Zweifel an der Standfestigkeit der Ansichten Feuerbachs auf:

Brief von Pecht an Henriette Feuerbach vom 10.7.1872:
...so wollen wir nun doch sehen, ob wir ihn nicht bald zu der Anerkennung bringen, die ihm gebührt...!
Brief Henriette Feuerbach an Julius Allgeyer 10.12.1873:
...Ich habe heute endlich es dahin gebracht, an H.Pecht zu schreiben, mit dem herzl. Wunsche, daß ihm mein elender Brief doch wohl tun möchte. Wir haben alle Ursache, ihm von Herzen dankbar zu sein, war er doch der Einzige, der in der allerschlimmsten Zeit die Stimme erhoben hat, und damals gehörte Mut dazu, denn er war eigentlich gegen die ganze Welt. Und es war kein persönliches Interesse, sondern reines Kunstinteresse, er kannte Anselm ja nicht, oder nur vom Hörensagen, was immer die schlimmste Sache war. Kurz, es wäre mir schrecklich, wenn Pecht verletzt wäre.
Brief Henriette Feuerbach an Julius Allgeyer 21.1.1874:
...Pecht hat mir einen sehr lieben und herzlichen Brief geschrieben, der auch Anselm sehr gefreut hat, so hoffe ich, wird dieser Schatten gewichen sein.
Dass scheint der gute Feuerbach zum Zeitpunkt seiner Memoiren Ende der 70er Jahre ganz vergessen zu haben.

Versöhnender Abschluss

Ich habe im vorausgehenden Feuerbach einseitig zitiert um aufzuzeigen, dass Mitleid mit einem verkannten Genie nicht immer berechtigt ist.
Was an dieser Stelle letztendlich zählt, sind die Kunstwerke, welche der Maler geschaffen hat. Und davon hat Feuerbach einige zu bieten.

Anselm Feuerbach - Hafis vor der Schenke (1852)
Öl auf Leinwand 205 x 258 cm

Also möchte ich den Bericht mit Worten schließen, die der akademische Meister des 19. Jahrhunderts den Malern unserer Zeit zuruft:
daß der höchsten Vollendung der Kunst eine vielleicht Jahrhunderte lange mehr handwerksmäßige Technik voraus gehen muß, lehrt uns die Geschichte gleichfalls.
Das frühe Modellzeichnen nach dem Leben bietet die einzig solide Grundlage, auf welcher später die Phantasie weiter bauen darf.
Um ein guter Maler zu sein, braucht es 4 Dinge. Weiches Herz, feines Auge, leichte Hand und immer frisch gewaschene Pinsel.
Und zuletzt, einen kräftigen Tritt in den Hintern der Originalitätsfanatiker und Nichtskönnenprediger an den Kunst-Hochschulen unserer Zeit:
Die Originalitätssucht aus Mangel an Schule. Das Werk mag viele Fehler haben, aber EINES muß man ihm lassen - "originell" ist es. So sprechen gewisse Leute und nehmen eine Prise Tabak. Was ist originell? Alles
und jedes in der Welt war schon einmal da und leider immer besser.

AMEN!

Montag, 9. März 2009

Anton von Werner (Teil 3)

Die Lehrjahre Anton von Werners waren beendet und in dem folgenden Jahrzehnt, den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, erlebte die deutsche Kunstwelt Werners rasanten Aufstieg zum bedeutendsten Künstler des deutschen Reichs.

 Foto Anton von Werner (1871)

Dies ist im Folgenden anhand der Memoiren Anton von Werners "Erlebnisse und Eindrücke 1870-1889" beschrieben, eines einzigartigen Einblicks in die Kunst und Zeitgeschichte dieser Jahre.
Dieses prachtvolle Buch ist sehr übersichtlich strukturiert, reichlich bebildert und bietet ein zuverlässiges Personenverzeichnis.
Viele der Bilder zeigen eine andere Facette Anton von Werners, der vor allem wegen seiner chronistischen Gemälde Berühmtheit, für manche eine anrüchige, erlangt hat.
In dem Buch sind unzählige Skizzen, Bleistift- oder Tuchzeichnungen und Aquarelle zu finden, welche zur Vorbereitung der offiziellen Aufträge, für den Freundeskreis oder das private Vergnügen entstanden sind. Sie zeugen von den brillanten Fähigkeiten eines großen Meisters des 19. Jahrhunderts, der die ganze Bandbreite malerischer Felder spielend abdeckte. Mit ein paar Strichen erweckt er Personen zum Leben. Die Bilder zeigen, dass Alltagsszenen zu dieser Zeit nicht das Exklusivrecht der Impressionisten war, wohl aber, sich auf diese zu beschränken.

Anton von Werner: Auf dem Balkon bei Professor Ad. Schroedter in Karlsruhe (Mai 1870)

Da ich Anton von Werner sympathisch und faszinierend finde und als einen der Großen der Malerei ansehe, ist der folgende Bericht viel zu ausführlich geraten für einen Blog. Aber den Blick hinter die bekannte Fassade der Hauptakteure der damaligen Zeit, ihre Äußerungen und Eigenarten, konnte ich einfach nicht fallen lassen.

1869-1870
Zurück in der Heimat

Seine Reisezeit in Frankreich und Italien war beendet und Anton von Werner zog es 1869 ins winterliche Karlsruhe zu seiner künftigen Frau und seinen Freunden.
Illustrationen für den 'Trompeter von Säckingen', zwei Ölbilder, 'Don Quixote bei den Ziegenhirten'

Anton von Werner: Entwurf Don Quixote bei den Ziegenhirten (1869)
Bleistift laviert

und 'Irregang' und die Fortführung der schon in Rom begonnenen Vorarbeiten für die Wandgemälde des Kieler Gymnasiums standen an.
Die preußische Regierung hatte ihm den Auftrag zu den halbrunden Wandgemälden 'Luther vor dem Reichstag in Worms'

Anton von Werner: Luther vor dem Reichstag in Worms (1870)
Aquarellskizze

und 'Die nationale Erhebung von 1813' erteilt.

Anton von Werner: Die nationale Erhebung von 1813 (1870)
Aquarellskizze

Nachdem die Vorarbeiten (Kartons und Farbskizzen) beendet waren, reiste er in den ersten Julitagen 1870 mit seinem damaligen Schüler G. Urlaub nach Kiel. Die Wandgemälde wurden in Wachsfarbe umgesetzt.

In diesen für von Werner glücklichen, arbeitsreichen Tagen trat das Ereignis ein, welches die deutsche Geschichte in kurzer Zeit komplett neu schreiben sollte.
Die Nachricht der Kriegserklärung Frankreichs erreichte Anton von Werner bei der Arbeit an dem Kopf Luthers. Die direkten Auswirkungen dieses Ereignisses waren jedoch in Kiel nicht sehr groß, so näherten sich die Arbeiten an dem Wandgemälde zügig dem Ende.

Auf zur Front

Die Meldungen von der Front sorgten im ganzen Lande für große Euphorie. Da wollte auch der junge Maler nicht fehlen, da man, ähnlich wie 1866 gegen Österreich, mit einem schnellen Sieg der preußischen Armee rechnetet. So kam ein Auftrag des Schleswig-Holsteinischen Kunstverein zu einem Gemälde 'General Moltke vor Paris' mehr als gelegen.

Anton von Werner: Moltke vor Paris (1870) (Studie)

Dieser Auftrag war die erwünschte Veranlassung zur Begründung meines Gesuches, mich in das Zentrum der kriegerischen Ereignisse zu begeben.
Also ging es bald darauf von Karlsruhe aus Richtung Kriegsschauplatz. Mit einem Empfehlungsschreiben ausgestattet von der Großherzogin von Baden für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, den Führer der 3. Armee, standen dem keine größeren Hindernisse mehr im Weg.
Anton von Werner: Ansicht von Straßburg nach der Beschießung (1870)

Es ging über das zerschossene Straßburg, welches vor neugierigen Touristen nur so wimmelte, Richtung Paris.

Anton von Werner: In der Zitadelle von Straßburg (1870)

Anton von Werner hatte das Glück, sich aufgrund seines Empfehlungsschreiben einer Proviantkolonne bis kurz vor Versailles anzuschließen zu dürfen.

Anton von Werner: An der Brücke von Neuilly (1871)

Anton von Werner: Schwere Artillerie auf dem Wege nach Paris (1870)

Neben einfachsten Unterkünften mit Schlafmatte auf dem Boden übernachte der Künstler aber auch in feinen Landhäusern, so einem schönen Schlösschen in Brunoy.

Anton von Werner: Das Schlösschen Brunoy (1870)

Die dort erlebten Eindrücke führten Jahre später unter anderem zu dem Gemälde 'Im Etappenquartier vor Paris' aus dem Jahre 1894.

Bei der 3. Armee

Anton von Werner: Trainsoldaten in Monroux bei der Abrechnung (1870)

In Hauptquartier der 3. Armee angekommen, begann er rasch mit seiner eigentlich Arbeit. Erste Studien und Entwürfe wurden für das Moltkebild ausgeführt. Im Rahmen dieser Arbeiten lernte von Werner den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und den legendären Generalfeldmarschall Moltke näher kennen. Mit diesen verband ihn bald eine freundschaftliche Beziehung.

Anton von Werner: Moltke in seinem Arbeitszimmer zu Versailles (1870)

Moltke, als schweigsam verrufen, war während der Sitzungen und im privaten Gespräch manches Mal ein kunstinteressierter Gesprächspartner. Neben den offiziellen Studien malte der Künstler von ihm noch ein weiteres kleines Bild, 'Moltke in seinem Arbeitszimmer zu Versailles', welches 1872 in der Berliner Ausstellung gezeigt wurde.

Die folgenden Wochen werden, außer dem gelegentlichen Donnerhall der Kanon, als relativ unberührt vom noch laufenden Kriegsgeschehen beschrieben.
Ein kleine, heile Welt bauten die deutschen Besatzer zeitweise in diesem Hauptquartier auf.

Anton von Werner: Oberstleutnant v. Berdy du Bernois (1870)

Von den zu allen Zeiten 'normalen' Auswüchsen und Gräuel solch einer Besatzung wird nur ganz am Rande im Zusammenhang mit dem General der Infanterie, Jakob von Hartmann erwähnt.
Im Billardzimmer seines Quartiers hing eine Reihe Bilder von Boulanger aus dem Leben des Marschalls Pelissier, die der General aus den Händen seiner Soldaten vom Feuertode gerettet hatte.
Anton von Werner: Soldatenbegräbnis auf dem Kirchhof in Versailles (November 1870)

Werner traf in Versailles auf viele alte Bekannte, wie die Schlachtenmaler Georg Bleibtreu und Feodor Dietz, oder seinen Freund Ludwig Pietsch, der als Korrespondent vom Geschehen berichtete.

Ein kleine witzige Geschichte bezüglich Feodor Dietz sei hier zitiert:
Herzog Ernst II von Coburg...wünschte, dass Bleibtreu ihn malen sollte, wie er in der Schlacht bei Wörth sein Coburger Regiment, die 95er, begrüßte, eine Szene, die aber in Wirklichkeit nie stattgefunden hatte. Bleibtreu lehnte deshalb die Aufgabe ab und ich, als sich der Herzog deshalb an mich wandte, auch, und er seufzte: "Ja, ja, wenn jetzt Feodor Dietz hier wäre, der würde das schon machen!" Dieser hatte ihn schon 1849 hoch zur Roß bei der Beschießung des Christan VII und der Gesion dargestellt, wo er aber nicht gewesen sein soll, wie Bleibtreu sagte.
Arbeiten in Karlsruhe

Die Vorarbeiten für das Moltkebild waren abgeschlossen und so ging es Ende November zurück Richtung Karlsruhe. Eine inoffizielle Nachfrage zur Nachfolge Professor Schroedter an die Akademie lehnte er in weiser Voraussicht ab, da noch ein weiterer Preuße in Karlsruhe unerwünscht war.

Über Langweile konnte sich Anton von Werner trotzdem nicht beklagen. Schon prasselte der nächste große Auftrag auf ihn nieder. Der preußische Minister Mühler (genau der, der Hübner ins Handwerk pfuschte. Um es vorweg zu nehmen, bei Werner hielt er sich zurück...) erteilte ihm Ende 1870 den Auftrag zu einem monumentalen Gemälde zur Ankunft Kaiser Wilhelms in Saarbrücken.

1871

In geheimer Mission

Doch die Geschichte hatte größeres mit von Werner in Sinn. Am 15. Januar 1871 erreichte ihn ein geheimnisvolles Schreiben des Hofmarschall August zu Eulenburg:

Geschichtsmaler v Werner, Karlsruhe. S.K.H der Kronprinz läßt Ihnen Sagen, daß Sie hier Etwas Ihres Pinsels Würdiges erleben würden, wenn Sie vor dem 18. Januar hier eintreffen können.

Ein verlockendes Angebot, welches kein deutscher Maler hätte ablehnen können und zum Glück dem Besten von Ihnen zuteil wurde.

Eingepfercht in einer vollbesetzten Postkutsche ging es eiligst zurück nach Paris. Dort waren all die bedeutenden Generäle und Offiziere des siegreichen Krieges anwesend. Und ein Zivilist, der eigentlich nichts dort zu suchen hatte, wie sein späterer Freund und Gönner, Hofmarschall Friedrich Graf von Perponcher-Sedlnitzky meinte.

Anton von Werner: Generalleutnant Graf Bothmer (1871)

Undankbare Aufgabe

Was er hier sollte, das dämmerte nun auch Anton von Werner. Nichts weniger als die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs wurde gefeiert. Aus Sicht Anton von Werners ein wenig malerisches Geschehen welches ihn jedoch in den folgenden Tag, Wochen und Jahren ausgiebig beschäftigte.

Anton von Werner: Der Kronprinz abends vor dem Kamin in Villa Les Ombrages mit Bismark und Moltke im Gespräch (1874)

Vor Ort machte er endlose Notizen, Skizzen und Studien der Räumlichkeiten, Zeichnungen der Kleider und beteiligten Personen.
Diese Art der chronistischen Malerei war ganz anders, als alles, was er bisher geschaffen hatte. Seine künstlerische Freiheit war begrenzt und er berichtet von den damit zusammenhängenden Problemen und Schwierigkeiten dieser wenig dankbaren Aufgabe:

Ich empfand.., daß es doch etwas anderes sei, einen historischen Vorgang, dem man beigewohnt hat, im Bilde zu verarbeiten, als ein nur nach malerischen Grundsätzen aufgebautes Bild aus dem Inneren heraus ohne äußeren Zwang zu schaffen...Die Offiziere standen im Saale dicht gedrängt...Nichts von den phantastisch lebhaften Gebärden, die der Maler gewöhnlich braucht, um in solchen Fällen Enthusiasmus auszudrücken...Hier sollten nun Schwierigkeiten bewältigt werden, wie gegebene Kostüme, deren Lokalfarbe nicht willkürlich zu ändern war...
und ich musste eine große Menge von Porträtstudien machen, noch ehe es möglich war zu bestimmen, ob sie auch gerade so und in der Pose in dem zu schaffenden Bilde zu verwenden waren.
Anton von Werner: Der Kronprinz empfängt General Hann von Weyhern in Versailles (1870)

Gleiche Probleme gab es bei der Zeichnung des Saals. Er konnte nur eine kleine Aquarellskizze, ein paar Details und Messungen durchführen. Grund war, dass der Saal schon ein paar Tagen nach der Kaiserproklamation als Lazarett umgebaute wurde und das Gestöhne der Verwundeten nicht auszuhalten war. Als er einige Jahre später das Versäumte in Versailles nachholen wollte, war das Zeichen im Spiegelsaal für ihn verboten.

Französische Künstler

Ein trauriges Ereignis für Anton von Werner war die Nachricht des Todes des ihm aus Rom bekannten, hochgeschätzten Maler Henri Regnault in einem der vielen Gefechte vor Paris
Henri Regnault war der bedeutendste unter den damaligen jüngeren französischen Künstlern, mit einer glänzenden Zukunft vor sich...Während der Belagerung von Paris war er in eines der nur oberflächlich militärisch ausgebildeten Freiwilligen-Bataillone eingetreten, hatte sich beim Rückzug der französischen Truppen ganz unnötig exponiert und war einer preußischen Kugel zum Opfer gefallen.

Eine kleine Geschichte mit Jean-Léon Gérôme sei hier auch nicht unerwähnt. Der große französische Künstler wandte sich an den für sein Entgegenkommen auch bei den Franzosen bekannten Kronprinzen mit der Bitte,
aus seinem irgendwo innerhalb unserer Linien gelegenen Atelier seien Studien und Skizzen zu retten, was der Kronprinz, soweit möglich, auch veranlasst hat.

Auch an Werner wandten sich französischen Künstler. So wurde das Atelier von Thomas Coutures von der Militär-Verwaltung als Schneiderei und Schusterei genutzt. Dies war dem Künstler natürlich nicht recht.
Ich brachte sein Gesuch dem General v. Blumenthal vor, der zwar lachte und sagte: "Wenn die Franzosen nach Berlin kämen, würden Sie es mit Ihrem Atelier gewiß nicht anders machen.", aber nach einigen Tagen war zum Glücke Coutures doch ein geeigneteres Gebäude gefunden.
Anton von Werner: Gottesdienst am 18. Januar 1871 (1871)

Seit dem Waffenstillstand waren viele Gebiete auch für die Künstler zugänglich.
... und es bot sich so viel des Malerischen... daß ich nur bedauern mußte, nicht alles skizzieren zu können.
Anton von Werner: Villa Les Ombrages (1871)

Studien vor Ort

Die Kapitulation Frankreichs beendetet den Krieg und in Folge dessen zogen die deutschen Truppen, in Anlehnung an Napoleons Einzug in Berlin, zur Parade in die Hauptstadt Paris auf dem Longchamps ein.

Anton von Werner: Bismark und General v. Hartmann nach der Parade auf dem Longchamps (1871)

Anton von Werner nutze die noch verbleibende Zeit, möglichst viele der bei der Kaiserproklamation Anwesenden zu porträtieren. Die Abende waren gefüllt mit Dinner, Empfängen und Musik. Werner, falls es die Situation erlaubte, mit seinem Cello beteiligt. Mit gewissen musikalischen Talent ausgestattet soll er laut eigener Aussage auch mit Geige und Bratsche keine schlechte Figur abgegeben haben.

Umzug befohlen!

Für seine Zukunft wegweisendes wurde unterdessen vom Kronprinz Friedrich Wilhelm beschlossen.
Sobald Sie nach Berlin kommen, sehen Sie sich im Schloß den besten Raum für ein derartiges Bild an und malen es für diesen Raum. (Kronprinz)
So war der noch offene Umzug wie selbstverständlich durch den Kronprinz entschieden.

Bei der Heimreise nach Karlsruhe erfährt er von seinem Reisepartner, dem Großherzog von Baden, interessantes über den Badenser Maler Anselm Feuerbach. Der Großherzog wollte diesen gerne an die Karlsruher Akademie holen, aber, anders als in Feuerbachs Memoiren 'Vermächtnis' scheint das Problem weniger an den Umständen, denn an Feuerbach selber gelegen zu haben.
...wenn seine Friedensbedingungen, wie der Großherzog lächelnd bemerkte, nur nicht gar zu harte gewesen wären.
Beispielsweise forderte Feuerbach die Entlassung aller nicht badischen Künstler wie Carl Friedrich Lessing und Adoph Schroedter, als auch, dass er zu keinerlei Gegenleistung, wie Unterricht erteilen oder dergleichen, verpflichtet wäre.

Anton von Werner: Auf der Schießwiese in Karlsruhe (1871)

Privat in Berlin

Im weiteren Verlauf des Jahres 1871 bereitete von Werner den Umzug nach Berlin vor. Die Einrichtung des neuen Hauses und seines Ateliers musste voran kommen.

Zeit zum Knüpfen private Kontakte bestand natürlich trotzdem. Ein Besuch beim Kronprinzen und seiner malerisch talentierten Frau festigte die Freundschaft zwischen ihnen dauerhaft. So beschreibt Anton von Werner eine Situation, bei der er mit dem Kronprinzen auf dem Boden robbte, um die Zeichnungen und Aquarelle seiner Frau zu begutachten. Deshalb kam es nicht von ungefähr, dass Jahre später die Kronprinzessin Taufzeugin bei der Geburt von Werners ersten Sohn war.
Das die Kronprinzessin Victoria künstlerisch begabt war, erwähnt von Werner mehrfach.
So ist auch eine kleine Bleistiftskizze in dem Buch abgebildet, welches dies veranschaulichen soll:

Kronprinzessin Victoria: Hofdame
Bleistiftzeichnung

Künstlerisch stand vor dem Proklamationsbild, welches als Überraschungsgeschenk für Kaiser Wilhelm I zu dessen 80 Geburtstag (1877) gedacht war und noch offiziell genehmigt werden musste, die Vollendung der beiden Moltkebilder und weitere Illustrationen zu Scheffels Trompeter von Säckingen an.

Einzug in Berlin

Foto: Die Siegesstraße Unter den Linden am 16. Juni 1871

Zum großen feierlichen Einzug der siegreichen Truppen in Berlin sollten fünf große Velarien (Leinwandtücher) zur Preisung der deutschen Nation, symbolisiert durch die Germania, gemalt werden. Anton von Werner übernahm das größte (20 Fuß zu 18 Fuß) 'Deutschlands Kampf gegen Frankreich' der fünf Velarien. In der unglaublichen kurzen Zeit von nicht mal zwei Wochen, aus Zeitgründen ohne jegliche Modellstudien, zauberte der brillante Künstler dieses große Bild aus dem Hut. Vom langweiligen, uninspirierten Chronisten, wie von Werner von blinden Laien heutzutage öfter denunziert wird, kann keine Rede sein. Dieses kann nur ein großer Meister seines Fachs leisten.

Anton von Werner: Kampf und Sieg (1871)
Verlarium
... und ganz besonders wurde es angestaunt, daß ich mein Bild mit Benutzung der Laufleiter malte, an die ich von meiner Stubenmaler-Lehrzeit her gewöhnt war

Nicht nur wegen dieser viel bewunderten Aktion kam Anton von Werner trotz längeren Abwesenheit von Berlin in engen, freundschaftlichen Kontakt mit vielen der alteingesessenen Künstler. Die Maler Adolph Menzel, Friedrich Eduard Meyerheim und Paul Meyerheim, Wilhelm Gentz, Georg Bleibtreu, Gustav Richter, Carl Becker oder die Bildhauer Friedrich Drake und Albert Wolff standen im regen Kontakt mit dem umgänglichen von Werner.

Trauung

Die Trauung in Erlenbad mit seiner Verlobten, der Tochter Adolf Schroedter, stand an. Als ihre Trauzeugen waren Carl Friedrich Lessing, Hans Gude und Josef V. Scheffel auserkoren.
Die Hochzeitsreise führte das frisch vermählte Paar nach Italien.

Anton von Werner: Im Garten von Erlenbad (1871)


Problemfall Siegessäule

Zurück in Berlin trudelte Ende 1871 schon der nächste große Auftrag für Anton von Werner ein. Er sollte für den Erbauer der Siegessäule, Hofbaurat Heinrich Strack, einen Entwurf für ein den Kern der Siegessäule umringendes Fries malen.
Als Motiv hatte der Kaiser "Die Rückwirkung des Kampfes gegen Frankreich auf die Einigung Deutschlands" bestimmt.

Anton von Werner: Studienkopf Generalfeldmarschall E v Manteuffel (187x)
Daß die Aufgabe, auf der zylindrischen, von der Säulenhalle umgebenen, hinter den Säulen sichtbaren Fläche des unteren Teiles der Siegessäule ein stets nur
nur unvollkommen erscheinendes Bild zu malen, für den Maler, schon vom technischen Gesichtspunkte aus, eine überaus verlockende gewesen wäre, läßt sich nicht behaupten, ebensowenig wie die malerische Darstellung des vom Kaiser verlangten. Doch ... ich ging mit jugendlicher Begeisterung an die Arbeit.
1872

Das Jahr 1872 ging arbeitsreich weiter. Ein vom Kronprinzen gefordertes Aquarell zur Feier des hohen Ordens vom Schwarzen Adler musste erstellt werden.

Kaiser und sein Untertan

Das nicht immer alles so glatt lief wie bisher, zeigt eine Episode bezüglich des Siegesdenkmalfries.

Anton von Werner: Probestück zum Siegesdenkmalfries (1872)

Anton von Werners erste Entwürfe, welche wiederum die volle Zustimmung des früher erwähnten Kultusminister Mühler fanden, wurden dem Kaiser zur Begutachtung vorgelegt werden. Dieser war mit gewissen Details unzufrieden.
Werner reichte daraufhin eine Beschreibung seiner Ideen ein. Der Kaiser war noch
immer nicht zufrieden und forderte Änderungen. Von Werner gab darauf hin zeitweise die Arbeit ganz ab, weil er seine künstlerische Freiheit zu weit eingeschränkt sah.

Anton von Werner: Studien für den Siegesdenkmalfries (1873)

Aber es geht nicht, daß man dem Kaiser so ohne weiteres einen Korb gibt.
Auf Vermittlung seines Gönners, des Großherzogs von Baden, der gleichzeitig Schwiegersohn des Kaisers war, kam jedoch ein für alle Seiten akzeptabler Kompromiss zustande.
Der Kaiser erschien ohne Adjutanten, ganz allein...Der Kaiser begrüßte mich in der ihm eigenen schalkhaft-liebenswürdigen Weise lächelnd mit den Worten: "Nun, wir haben einige kleine Differenzen miteinander, wollen mal sehen, ob wir uns einigen können."
Ich weiß nicht, ob der Leser es sich deutlich vorstellen kann, wie mir, dem
jugendlichen Anfänger, gegenüber dem fast 80 jährigen Heldengreis bei dieser Anrede zumute war, und wie ich am liebsten gesagt hätte: "Euer Majestät Liebenswürdigkeit ist zu siegreich! Ich male alles, was Sie wollen, - selbst wenn es der größte Unsinn wäre!
Doch das war nicht nötig, da nach einigem hin und her letztendlich beide Seiten zufrieden waren.

Anton von Werner: Karton für den Siegesdenkmalfries (1872)

Einfallsreichtum und Geschick

Diese Mammutaufgabe forderte natürlich in den nächsten Monaten seine ganze Kraft, Können und Einfallsreichtum. Und dies nicht nur rein malerisch:
...die 75 Fuß lange Leinwand für den Siegesdenkmalfries in meinem Atelier vor dem Proklamierungsbilde, daß 25 Fuß breit und 14 Fuß hoch war, aufstellen. Es geschah, da mein Atelier am Karlsbad 21 hoch nicht groß genug war, um einer solchen Fläche Raum zu bieten derart, daß das Bild auf zwei Walzen rechts und links aufgerollt wurde und jedesmal, wenn ich mit der Fläche von 25 Fuß fertig war, diese nach links weiter auf die linke Walze gerollt und von der rechten Walze die unbemalte Leinwand
herausgezogen wurde.
Wow. Die Idee von Werner war es übrigens, dass das Siegesdenkmalfries auf Mosaik ausgeführt wurde, da dies das einzig witterungsbeständige Medium ist. Und er hat recht behalten. So erstrahlt der Fries heute noch in seinem Glanz. In den nächsten Wochen standen jeweils 12 Stunden Arbeitstage ohne Mittagspause an und so kam es nicht überraschend, dass er völlig ausgebrannt und urlaubsreif war und zur Erholung nach Kiel fuhr.

Anton von Werner: Am Strande von Stubbenkammer auf Rügen (ca 1873)

Professur abgelehnt

In diesem Jahr wurde dem aufstrebenden Superstar mal wieder eine Professorenstelle angeboten. Früher in Karlsruhe, nun Weimar. Aber er sah sich noch als Lernender, nicht als Lehrer. Von der mangelnden Zeit ganz zu schweigen. So war noch eine Tuchzeichnung zum Dürerfest des Vereins Berliner Künstler samt Festprogramm als Lithographie abzuliefern.

Anton von Werner: Künstler-Festkarte (1872)

1873

Nicht nur Tusch und Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, kleine und große Ölgemälde, Velarien, Wandgemälde und Friesgemälde beherrschte der große Meister.

Dekorateur

Anfang 1873 tobte er sich in seinem neuen Heim als Innenausstatter und Dekorations-Maler aus. Dass er auch dies mit großen Können und viel Liebe umsetze, war selbstverständlich.
Im Kinderzimmer malte ich en grisaille die drei Märchen vom Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen an die Wand in romanischen Bogenstellungen, die Decke blau mit goldener Sonne und Sternen, so daß die Kinder von ihren Wiegen aus immer die Bilder und das Himmelszelt vor Augen hatten.
Anton von Werner: Aschenputtel aus dem Kinderzimmer meines Hauses (um 1874)

Seine Kleinen werden sich mit Sicherheit wohlgefühlt haben.

Die dekorative Malereien führte er in der Folge auch in anderen Häusern aus, manchmal gemeinsam mit seinen Atelierschülern oder Kollegen. Vom heute zerstörten Cafe Bauer wird noch die Rede sein.

Anton von Werner: Eheglück Aus dem Bilderzyklus am Hause R Pringsheim - Karton (1873)

Anton von Werner: Was ihr wollt - Skizze für eine Wanddekoration (187x)

Berliner Gesellschaft

Zu dieser Zeit ging nicht nur Anton von Werner in den Kreisen der Hofgesellschaft ein und aus. Auch Adolph Menzel, Oskar Begas, Albert Hertel oder Paul Meyerheim waren häufig gesehen Gäste.
Das Salonleben blühte. Das Haus des Kronprinzen wechselte mit dem Salon der Gräfin Schleinitz, dem Helmholtzen Salon oder den Abenden in dem Rathschen Haus ab. Es bestand ein sehr enger Kontakt zwischen den bildenden Künstlern, den Musikern, Theaterleuten oder den Gelehrten wie Rudolf Virchow und Herrmann Helmholtz. Auch Offiziere wie Moltke nahmen gelegentlich die Einladungen an, so bei einem Herrendiner im Hause von Werners zu Ehren Andreas Achenbachs, bei dem neben anderen auch Reinhold Begas, Gustav Richter, Wilhelm Gentz und Paul Meyerheim zu Gast waren.

Anton von Werner: Studienkopf General Moltke (1871)
Da mit Rücksicht auf Moltke keinerlei Reden gehalten wurden, so bereitete es allgemeine Überraschung, als der große Schweiger sich plötzlich erhob und mit verbindlicher Verneigung gegen Achenbach und die anwesenden Künstler gewandt, den kurzen Trinkspruch ausbrachte: "Meine Herren, ich trinke auf das Wohl derer deren Werke reden.
Bei den Musikabenden war nicht nur Werner beteiligt, sondern
so vor allem Professor C.Becker als temperamentvoller Violinspieler, Reinhold Begas und Paul Meyerheim als wohlgschulte Cellospieler, Albert Hertel war ein Sänger mit prächtiger Stimme und urwüchsiger dramatischer Kraft begabt, auch Oskar Begas und Gußmann-Hellborn spielten Geige und Bratsche.
An anderer Stelle werden noch anderer Maler erwähnt, die regelmäßig an diesen Abenden teilnahmen. E. Teschendorff, Albert Begas, Ludwig Knaus oder Heinrich von Angeli als Sänger.

Musikzimmer in meinem Hause (Nach einem Aquarell von W Granzow)

Eine der wenigen öffentlichen Auftritt der Künstlerschar war auch von Kaiser Wilhelm und seiner Gemahlin besucht worden.
Willst du den Herren nicht auch etwas Freundliches sagen?" worauf der Kaiser lächelnd erwiderte: "Ich verstehe zwar nichts davon, aber ich freue mich, daß die Herren vom Pinsel auch so gut mit dem Bogen umzugehen wissen.
Das Ereignis des Jahres der Berliner Gesellschaft waren immer die Hofbälle mit bis zu 1700 Personen. Dieses sehr malerische Ereignis war bestimmt für den gekonnten Pinsel Anton von Werner.

Anton von Werner: Der Kaiser auf dem Hofball im Kreise seiner Generale (1879)
... ich versuchte häufig, wenn ich vom Hofball nach Hause kam, diese oder jene Eindrücke in Federzeichnungen festzuhalten... Ich habe später drei kleine Bilder als Ergebnis dieser Eindrücke gemalt,..., was mir anscheinend den Ruf als "Höfling und Wadenstrümpler"... eingetragen hat.

Das gesellige Leben war auch wichtiger Teil des Vereins Berliner Künstler, der jedem Kunstinteressierten offen stand. Ähnlich wie viele anderen Kunstvereine (siehe Düsseldorfer Verhältnisse) waren Musikabende und kleine und große Feste mit lebenden Bildern und Umzügen regelmäßig auf der Tagesordnung. Beispiele sind das Dürerfest im Winter 1872 oder den von Werner organisierten Karneval von Venedig des Jahres 1873.

Anton von Werner: Dürerfest des Vereins Berliner Künstler im Saale des Konzerthauses (1872)

Weltausstellung Wien

Höhepunkt des Jahres 1873 war neben der angebotenen Direktorenstelle der Akademie, welche Werner, trotz einiger Zweifel aufgrund seiner früheren Berliner Erfahrung als Studierenden, im Jahre 1875 offiziell antrat, die Weltausstellung in Wien.
Die Stadt, die Werner das erste Mal bereiste, machte einen großen Eindruck auf ihn. Er durfte selber zwei Bilder zur Ausstellung senden. Von seinen Mitstreitern beeindruckten ihn vor allem zwei Gemälde stark.
Eines von Ernest Meissonier, (genauso wie 1867 auf der Weltausstellung in Paris) und eines von Hans Makart.
"Meissoniers Bild "1807", das mir als die meisterhafteste künstlerische Tätigkeit der ganzen Ausstellung und als das Vollendetste erschien, was sich vermittels der Kunst über Napoleon und sein Heer überhaupt sagen ließ, und Hans Makarts "Katharina Cornaro".

Ernest Meissonier: Friedland 1807 (ca. 1861-1875)

Hans Makart: Venedig huldigt Caterina Cornaro (1875)

Makart, den er 1869 in Rom als schweigsamen Künstler kennengelernt hatte, scheint
in Werners Augen erst hier in voller Pracht. Voller Respekt und Begeisterung berichtet er von seinem großen Künstlerkollegen und seiner etwas anderen (im Vergleich zu von Werner) Herangehensweise an die Malerei:
...hier aber erschien er mir erst als ein gottbegnadeter Künstler, dem das Malen angeboren war, und der ohne viel Grübeln mit spielender Leichtigkeit all jene glutvollen Farbensymphonien zu Schaffen vermochte, die vor allem das lebensfrohe Wien in einem Taumel von Entzücken versetzten, und die ich mir nur denken kann als Dekoration prächtiger farbiger Prunkgemächer, wo zum Klange heiterer Lieder die Gläser klingen, Prachtgewänder schöner Damen rauschen und Gott Amor sein neckisch-verwegenes Spiel treibt. Um den inneren Gehalt seiner Schöpfungen, um Gedanken machte sich Makart - soweit ich ihn persönlich kennen gelernt habe - keine Sorgen, sein Denken und Empfinden war darauf gerichtet, aber ganz unbewußt, unser Dasein durch künstlerischen Schmuck zu verschönern, und wegen der historischen Richtigkeit seiner Bilder mit historischem Titel hat er gewiß keine schlaflosen Nächte gehabt.
Geiziger Moltke

Ende des Jahres 1873 konnte Anton von Werner die Illustrationen zu Scheffels 'Trompeter von Säckingen' abschließen und begann zwei neue Gemälde, welche erst im folgenden Jahr abgeschlossen wurden.
Zum einen eine Familie, welche bei einem Mittagsmahl mit Martin Luther in Kostümen der Reformationszeit abgebildet werden wollte. Ein Bild in der Tradition der Auftraggeber trifft historische Gestalten Bilder.

Und, wie schon so oft in den letzten Jahren, ein Moltke-Gemälde.

Anton von Werner: Moltke in russischer Feldmarschallsuniform (1873)

Moltke wird in diesem Zusammenhang sympathisch, aber leicht verschroben von unserem Künstler beschrieben:
Kaiser Alexander II von Russland hatte Moltke nach dem Kriege zum rußischen Feldmarschall ernannt und dieser mußte sich nun für den Feldmarschschallsaal im Kaiserschlosse an der Reva in ganzer Figur malen lassen, was dem gar nicht eitlen, aber sparsamen alten Herren, dem die Ausgaben für die russische Uniform schon unangenehm genug gewesen waren, gar keine Freude machte. Er war während der geduldig ertragenen Porträtsitzungen auch durchaus nicht schweigsam, sonder murrte vernehmlich darüber.

1874

Angehender Direktor

Die Berliner Akademie brachte zwar einige große Künstler hervor, aber die Zustände waren, im Gegensatz zu Karlsruhe, Weimar oder München, nach Ansicht Anton von Werners und anderer Maler, wenig zeitgemäß und zukunftsweisend. Die Ausbildung soll tiefgründiger und umfassender werden, das gesamte Umfeld mit professioneller Ausstattung und besser Organisation auf die Höhe der Zeit gehoben werden. An diesen Diskussionen im privaten Kreise waren nicht nur die Berliner Künstler wie Werner, Menzel, Richter oder Becker beteiligt, sondern auch Carl Friedrich Lessing aus Karlsruhe oder Julius Hübner aus Dresden.

Anton von Werner: Studie Spreewälder Amme (1874)

Als Direktor der Akademie sollte Anton von Werner diese Professionalisierung später, auch gegen viele Widerstände und mit Kompromissen gespickt, umsetzen.
Es sollte den Schülern all das vermittelt werden, was erlernbar war. Also eine umfassende handwerkliche und fachwissenschaftliche Ausbildung. So führte er später unter anderem einen Kurs für die Freilichtmalerei und einen für Ornamentik(sein Steckenpferd während seiner Ausbildung als Stubenmaler) ein. Die weisen Worte des großen Malers seinen jedem jungen Künstler ans Herz gelegt:
Für die Malerei waren mit dem Ende des achtzehnten oder Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die bis dahin noch bekannten Werkstatt-Traditionen - akademische Rezepte und Schablonen, wie sie törichterweise von denen genannt werden, die keine Ahnung davon haben, was in der Kunst überhaupt gelehrt werden kann - verloren gegangen, und sie mußten wieder gefunden oder dafür Ersatz geschaffen werden. Der Schüler will und muß zunächst lernen, wie es gemacht wird, das war in den Meisterateliers von Rafael und Rubens genau so wie in den alten Zünften und Gilden, und dazu gehören zu seinem eigenen Besten Zwang, Regeln und Rezepte. Mit seiner Individualität, der Freiheit der Kunst, mit Realismus und Idealismus hat das nicht das Geringste zu tun, es handelt sich einfach um das Erlernbare.
Anton von Werner: Studie Graf Seckendorff (1874)

Mitte des Jahres 1874 waren die Arbeiten am eigenen Heim soweit fortgeschritten, dass das Malen am Proklamierungsbild im eigenen, neuen Atelier fortgeführt werden konnte.

Foto: Mein Atelier Potsdamerstrasse 113

Anton von Werner: Blick aus meinem Atelier - Potsdamer Strasse 113 (um 1874)

Weihnachtsgeschenke

Für einen Künstler wie Werner war es selbstverständlich, zur Weihnachtszeit an Freunde und Bekannte das ein oder andere kleine Bild zu verschicken. Die zur damaligen nur als Skizzen angesehenen Werke übersteigen heutzutage die Möglichkeiten der meisten Künstler. Solch eine kleine Skizze ist nachfolgend abgebildet:

Anton von Werner: Generalfeldmarschall Graf Moltke in meinem Atelier(1874)

Einen Auszug aus dem treffenden Dankesschreiben Graf Moltkes vom 2. Januar 1875 sei hier nicht verschwiegen:
Vielen freundlichen Dank, bester Herr von Werner, für Ihr schönes Weihnachtsgeschenk. Es ist reizend, wie Sie die Eigentümlichkeiten der Menschen
im flüchtigen Blick aufzufassen wissen, so daß man sie selbst wenn sie den Rücken zukehren, sogleich erkennt. (Moltke)
1875

Widerspenstiger Kaiser

Werner, dessen offizielle Ernennung zum Direktor der Akademie im Laufe des Jahres nur noch Formsache war, sollte als Sprecher einer Deputation zum Neubau eines Akademiegebäudes dem Kaiser Wilhelm I vorsprechen. Angelegenheiten der Kunst waren zu dieser Zeit Sache des Oberhaupts der Nation. Die wohlüberlegten Pläne wurden vom Kaiser mit den Worten abgelehnt:
Diesen Platz habe ich allerdings schon für die Denkmäler der Generäle des letzten Krieges bestimmt", und entließ uns lächelnd mit den Worten:
"Aber ich werde für Ihr Projekt eine schlaflose Nacht opfern. (Wilhelm I)
Der kleine große Menzel

Das künstlerische Ereignis des Jahres 1875 war das große Gemälde 'Eisenwalzwerk' von Adolf Menzel.

Adolf Menzel: Eisenwalzwerk (1875)

Dieses Bild wurde von Werner sehr bewundert:
genialer Schöpfung... stand mit den "Modernen Zyklopen", wie das Bild vom Publikum getauft wurde, auf der Höhe seines Schaffens und seines Ruhmes.
Das Bild soll Jahre später auf der Weltausstellung 1878 das Highlight der deutschen Kunstabteilung gewesen sein und in Meissonier seinen größten Bewunderer gefunden haben. Und dies nicht zum ersten Mal. Auch schon 11 Jahre vorher wurde Menzels Hochkirch-Bild auf der Weltausstellung 1867 vom großen Franzosen sehr gelobt.
Anton von Werner bewunderter Menzel schon seit frühster Jugendzeit. Während seiner Ausbildungszeit in Berlin Anfang der 60er Jahre vermied von Werner jedoch aus Furcht vor den Marotten des großen Meisters den Kontakt. Erst 1867 auf der Weltausstellung in Paris lernten sie sich persönlich kennen.
Eines Abends war auch der belgische Maler Alfred Stevens dort, und ich fungierte als Dolmetscher zwischen beiden, weil Menzel nur wenig Französisch verstand. Stevens befragte Menzel u.a. um seine Meinung über Henry Leys, der in der belgischen Abteilung hervorragend mit Wiederholungen seiner Antwerpener Rathausbilder in kleinerem Format vertreten war. Mit einer originellen schraubenartigen Handbewegung antwortete Menzel: "C'estl deuxieme main;" er meinte damit die Nachahmung der Malweise verschiedener Meister, die Leys' Spezialität war, und die Menzel nicht schätzte.
Vor der unbarmherzigen, ehrlichen Kritik Menzel fürchtete Werner sich noch längere Zeit. Erst ab den ersten ausführlicheren persönlichen Kontakten 1875/76 entspannte sich das Verhältnis zu dem alten Meister. Anton von Werner war in späteren Jahren einer der wenigen, die Menzel in seinem Atelier besuchen durfte, wovon er jedoch selten Gebrauch machte.
Das Menzel, dessen Werke als einer der wenigen Salonmaler der damaligen Zeit heute noch in Buchhandlungen zu sehen sind, kein Freund des aufstrebenden Nichtskönnertums war, mit dem er heute als geistig verwandt in Verbindung gebracht wird, zeigt folgendes Zitat Anton von Werners:
Ein andermal, als es sich um den Orden pour le merite für A. Böcklin handelte, wurde er aber wild und die Worte überstürzten sich, als er zornig ausrief:
"Dieser Mensch ist an dem ganzen Unfug Schuld, der jetzt in der Malerei getrieben wird!"
Mobbing

Im April 1875 wurde Anton von Werner nun offiziell zum Direktor der Akademie ernannt, um sogleich die weiter oben skizzierten Veränderungen anzugehen. Das dies nicht immer reibungslos verlief, ist offensichtlich. Mobbing würde man das wohl heute teilweise nennen. Aber seine tiefste Überzeugung der Richtigkeit der notwendigen Maßnahmen und Fürsprecher in höchsten Ämtern, ließen ihn nicht beirren. So blieb er bis zu seinem Tod in dem wohl wichtigsten Amt der damaligen Zeit und ließ sich auch von freundschaftlichen Hinweisen auf die nutzlose Kraftverschwendung, die diese Position innehat, nicht abhalten. Auch von Adolph Menzel nicht:
Sagen Sie mal, beabsichtigen Sie wirklich, Ihre Kräfte hier länger zu vergeuden? Sie sind doch wirklich zu Schade dafür! (Menzel)
Venedig

Nachdem von Werner in München mit Hans Thoma und einigen anderen Geburtstag gefeiert hatte, ging es Richtung Venedig.

Anton von Werner: Im Klosterhof von San Gregorio in Venedig (1875)
Aquarell


Grund dieser Reise war die Fertigstellung des Siegessäulenfries. Das Gemälde von Werner sollte in Mosaik umgesetzt werden. Da war die weltbeste und bekannteste Firma nur Recht. Das Stabilimento Salviati (1880/81 zum Beispiel das Kuppelmosaik im Aachener Dom), welche die Glasbläserkunst (Murano Gläser) und die Glasmosaiktechnik wiederbelebt und zu neuen Höhen geführt hat. Deren Fortschritte an seinem Fries wollte von Werner begutachten.
Die Persönlichkeit des Firmengründers Dr. Antonio Salviati beschreibt unser Künstler so:
Ich hatte den überaus rührigen und lebhaften Herrn, der von Fach Advocat war, schon einige Jahre früher gelegentlich der Ausführung des Mosaikfrieses am Pringsheim'schen Hause in Berlin kennen gelernt; er beherrschte und sprach mit derselben Lebhaftigkeit wie seine Muttersprache die deutsche, englische und französische Sprache, was ihm bei seinen geschäftlichen Verhandlungen sehr zustatten kam.

In Venedig begleitete von Werner, der zu dieser Zeit noch brauchbares Italienisch sprach, das Kronprinzenpaar auf ihren Empfängen und Erkundungen. Eine Szene, wenn man von Werner glauben schenkt mag, beschreibt die sympathische Kronprinzessin Victoria treffend:
"Wenn es abends zur Rückfahrt ging, wurde der Ruf laut: "Ecco le gondole pei fumatori!", und es wollte dann niemand in die Gondel zu den kronprinzlichen Herrschaften steigen, weil in der Nähe der Frau Kronprinzessin natürlich nicht geraucht werden durfte. Die hohe Frau aber rief lachend: "Kommen Sie nur, Sie können hier auch rauchen, nur rauchen Sie nicht von meines Mannes Zigaretten, die taugen nichts.

Abwechslungsreicher Ausklang

Auf der Rückreise Richtung Berlin besuchte von Werner bei einem Zwischenhalt in München das Atelier Franz von Lenbachs. Dieses wird als ziemlich schmucklos beschrieben. Aber die meisterhaften Porträts sind ihm trotzdem in Erinnerung geblieben.

In Berlin malte er an dem Treppenhausbild für die Villa Behrens in Hamburg 'La Festa',

Anton von Werner: Farbenskizze zu La Festa (1874)

führte einige kleinere dekorative Arbeiten durch und kümmerte sich um seine ersten Atelierschüler (Albert Schwarz, Ernst Tepper, Fischer Görlin, Karl Hochhaus, L.Manthe, Philipp Fleischer und Max Koner).

Wie im Vorjahr war von Werner wieder in Radolfzell bei seinem Freund Scheffel zu Gast.

Anton von Werner: Kloster Oberzell auf der Insel Reichenau (1878)

Die Zeit wurde unter anderem für erste Vorarbeiten zur Illustration des 'Ekkehard' genutzt. Einem Mammutprojekt, welches Trotz langjähriger Arbeit nie beendet wurde. Auch nach dem Tode Scheffels 1886 zeichnete von Werner noch gelegentlich die ein oder andere Illustration dazu, aber, da es immer nebengleisig lief, war die Aufgabe nicht zu bewältigen und wurde irgendwann ganz eingestellt.

Anton von Werner: Audifax und Hadumoth auf dem Hohenkrähen (ab 1875)

Ende des Jahres 1875 starb nach langer Leidenszeit sein Schwiegervater, Professor Adolf Schroedter aus Karlsruhe, der, wie von Werner es formulierte,
...aber bis zum letzten Hauch künstlerisch tätig...
Der Höhepunkt des Jahres war für Anton von Werner natürlich die Enthüllung des Siegessäulenfries in Gegenwart des Kaisers. Das zugehörige Originalbild wurde 1877 in der Münchener Kunstausstellung ausgestellt und dann dem Breslauer Museum vermacht.

Oben angekommen

So endete die erste Hälfte der 70er Jahre mit einem großen Triumph für Anton von Werner. Er hatte sich in den letzten fünf Jahren vom noch relativ unbekannten Preußischen Maler zum wichtigsten Künstler des deutschen Reichs entwickelt. Das Jahrhundertbild der Kaiserproklamation war in Arbeit, das Siegessäulenfries enthüllt. Er hatte freundschaftliche Bekanntschaft mit den Herrschern des Landes geknüpft, die Aufträge flogen ihm nur so zu.
Nun auch noch Direktor der bedeutenden Berliner Akademie.
Eine unglaubliche Karriere für einen jungen Mann Anfang 30. Dies brachte natürlich auch Neider auf den Plan. Aber Können setzte sich oft durch, so auch in von Werners Fall.

Abschließend noch ein kleines 'Problem', mit denen von Werner häufiger zu kämpfen hatte:
...fragte einer der eingeladenen Gäste, als ich zur Erwiderung der Begrüßungsrede das Wort erbeten hatte, seinen Nachbarn, den Professor Max Michael: "Warum läßt der neue Direktor eigentlich seinen Sohn für sich reden?
Weitere große Aufgaben standen an. Dazu ein andermal mehr...